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Archive für 30.9.2008
Hälfte aller Diabetes-Amputationen vermeidbar
30.9.2008 von zaro.
Experten kritisieren vorschnelle Radikaloperationen
Heidelberg - “Jährlich werden in Deutschland knapp 40.000 Diabetes bedingte Amputationen vorgenommen - nur die Hälfte ist jedoch wirklich notwendig”, meint Wolfram Wenz, leitender Oberarzt an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg http://www.klinikum.uni-heidelberg.de, im Interview. “In einigen Fällen wird bereits nach einem Jahr bei Diabetespatienten ein Fuß amputiert, obwohl mit etwas Geduld und Einsatz dieser durchaus zu retten wäre”, beklagt der Spezialist für rekonstruktive Fußchirurgie. Den Grund dafür sieht er darin, dass es zu wenig Spezialärzte für das Thema diabetisches Fußsyndrom in Deutschland gibt. “Oftmals kümmern sich in den Kliniken Internisten um Diabetiker, die nicht immer das absolute Fachwissen um die Komplexität der Thematik haben”, meint Wenz. Ein ähnliches Bild zeichnet auch Eckhard Müller, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft diabetischer Fuß http://www.ag-fuss-ddg.de , gegenüber uns: “Einige Ärzte sind einfach zu ungeduldig und können den Heilungsprozess nicht abwarten. Das ist ein ernsthaftes Problem.”
In einer Erhebung konnte Wenz nachweisen, dass circa 36 Prozent der Diabetiker nach der ersten Amputation binnen eines Jahres versterben und rund die Hälfte innerhalb der nächsten drei Jahre. Nach fünf Jahren lebt nicht einmal mehr jeder dritte Amputationspatient. “Der Grund dafür dürfte sein, dass eine Amputation für die Betroffenen der Anfang vom Ende ist und sie sich innerlich aufgeben”, sagt Wenz. Dazu komme, dass nach einer Fuß- oder Beinamputation das verbleibende Bein viel stärker belastet wird. Dadurch würde bei rund 50 Prozent der Beinamputierten binnen der nächsten vier Jahre auch das zweite abgenommen werden. “Durch die Amputationen sind die Patienten nicht mehr in der Lage, alleine für sich zu sorgen und landen in der Vielzahl in Pflegeheimen”, führt Wenz aus. “Da kann doch kaum noch von einer Erleichterung für die Patienten gesprochen werden.”
Wenz plädiert dafür, statt auf Amputationen auf vorbeugende Maßnahmen und Gliedmaßen erhaltende Operationen zu setzen. Dazu gehört auch eine genaue Beobachtung des eigenen Körpers. “Das Problem bei Diabetikern ist, dass sie oftmals gar nicht mitbekommen, dass sie eine Wunde haben”, sagt Michael Stumvoll, Experte für Diabetes an der Universität Leipzig, gegenüber pressetext. Denn neben einem Verschluss der Gefäße kommt es zudem zu einer Nervenerkrankung, wodurch die Patienten kein Gefühl mehr in Fuß oder Bein haben. “Dann reicht schon ein nicht bemerktes Taschentuch im Schuh aus, dass sich eine Blase unter dem Fuß bildet und diese kann sich bei Nichtbehandlung entzünden”, so Stummvoll. Auch Müller appelliert an die Patienten. Diese müssten anfangen zu verstehen, dass sie auch mit kleinsten Verletzungen zum Arzt gehen sollten. “Aus Bagatellen kann sich bei Diabetikern ganz schnell eine große Entzündung entwickeln”, so Müller.
Wenz und sein Team konnten in den vergangenen Monaten bei einer Vielzahl von Patienten Füße retten, die von anderen Ärzte amputiert werden sollten. “Wir trauen uns vielleicht mehr zu als andere Kollegen. Eine Fußoperation ist für mich, wie in mein Wohnzimmer zu gehen”, erklärt Wenz selbstbewusst. Bei ihrer Methode entfernen die Heidelberger Ärzte nicht den ganzen Fuß, sondern nur den entzündeten Knochen und lassen Nervenbahnen im Inneren des Fußes stehen. “Dann wird der Knochen durch Teile der eigenen Beckenschaufel ersetzt und durch Schrauben fixiert”, erläutert Wenz.
Hoffnung darauf, dass es erst gar nicht zu Entzündungen kommt, macht ein britisches Forschungsergebnis. Wissenschaftler der Universität Bristol fanden ein Protein, das dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Wundverschluss langsamer vorangeht. Sie hoffen, daraus in einigen Jahren ein wirksames Medikament entwickeln zu können. (Ende)
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