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Archive für 30.10.2009
Armutsbekämpfung vergisst oft das Wohlbefinden
30.10.2009 von zaro.
Persönliches Glück kann man nicht mit Geld kaufen
Heidelberg/Rotterdam - Programme zur Armutsbekämpfung für Menschen in Ländern der dritten Welt lassen oft außer Acht, dass Einkommenssteigerungen allein kein Garant dafür sind, Zufriedenheit zu schaffen. “Zu einem zufriedenen Leben gehört mehr als Geld. Öffentliche Programme der Politik zur Armutsbekämpfung müssen über einfache Einkommensteigerungen hinausgehen und die Lebensqualität in anderen Bereichen verbessern”, kommt Mariano Rojas von der mexikanischen Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales http://www.flacso.org in der Springer-Fachzeitschrift Applied Research in Quality of Life zum Schluss.
Die meisten ausländischen Hilfsprogramme sehen die Verringerung der Armut als Hauptanliegen. Bis jetzt konzentrieren sich diese Programme darauf, den Menschen aus der Armut zu helfen, indem sie deren Kaufkraft steigern. Dieser Ansatz basiere auf der Annahme, dass eine Einkommenssteigerung mit größerem Wohlbefinden einhergeht. Eine nationale Umfrage der University of Costa Rica aus den Jahren 2004 bis 2006 hat gezeigt, dass das Haushaltseinkommen allein nicht ausschlaggebend für den Grad an Zufriedenheit ist. Rojas stellte zusätzlich zu den Fragen über Haushaltseinkommen und Abhängigkeit vom Haushaltseinkommen subjektivere Fragen über die allgemeine Zufriedenheit im Leben sowie über die Zufriedenheit bezüglich Gesundheit, Arbeit, familiärer Verhältnisse, Freundschaften, der eigenen Person sowie des gemeinschaftlichen Lebens. Interessanterweise gaben nur 24 Prozent der als arm eingestuften Menschen an, mit ihrem Leben wenig zufrieden zu sein. 18 Prozent der ‘nicht-armen’ Kategorie gaben ebenfalls an, sie seien mit ihrem Leben nicht zufrieden.
Für den Soziologen Ruut Veenhoven von der Erasmus Universität in Rotterdam und Direktor der World Database of Happiness http://worlddatabaseofhappiness.eur.nl ist das nachvollziehbar. “Es kommt sehr viel auf die technische Qualität einer Regierung an, ob Menschen sich glücklich fühlen oder nicht”, meint der Forscher im pressetext-Interview. Eine gute Regierung, auf die sich die Bürger verlassen können, sei wesentlich. “Da kann ein Land auch ärmer sein.” Weltmeister unter den “glücklichsten Nationen” sind Dänemark, Island, Mexiko, die Schweiz, Kolumbien und Österreich. Das habe zumindest die Untersuchung von Veenhoven ergeben. Veenhoven rät Geberländern dazu, Hilfsgelder an jene Länder zu geben, deren Regierungen auch das Eigentum der Bürger schützen. “In solchen Ländern ist eine bessere Entwicklung in jeglicher Hinsicht möglich.” Diese Linie verfolge die Weltbank seit kurzer Zeit auch. Damit will man verhindern, korrupte Regierungen mit ausländischen Hilfsgeldern zu stützen.
Rojas kommt in seiner Untersuchung zum Schluss, dass ein Mensch mit seinem Leben zufrieden sein kann, auch wenn er über ein geringes Einkommen verfügt, solange er in anderen Bereichen wie Familie, Gesundheit, Beruf oder mit sich selbst und seiner wirtschaftlichen Situation einigermaßen zufrieden ist. Mit Armut alleine lasse sich das generelle Wohlbefinden eines Menschen nicht erklären. Das bedeutet, dass es einem Menschen möglich ist, der Armut zu entkommen und trotzdem mit dem Leben unzufrieden zu sein. Sozialprogramme müssten daher berücksichtigen, dass das Wohlergehen von der Zufriedenheit in vielen Bereichen des Lebens abhängt und dass auch andere Faktoren bei der Erstellung dieser Programme eine Rolle spielen.
“Dieser Beitrag zeigt, dass es möglich ist, der Armut zu entkommen, ohne dabei die Zufriedenheit im Leben zu beeinträchtigen. Das Einkommen ist kein Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck. Man sollte sich nicht nur auf die materielle Armut konzentrieren und dadurch die Bedeutung anderer Faktoren, die das Wohlbefinden verbessern können, unterschätzen”, so Rojas. Natürlich sei es wichtig, sich darum zu kümmern, Menschen aus der materiellen Armut zu befreien. “Es ist jedoch weitaus förderlicher, sich um die zusätzlichen Möglichkeiten Gedanken zu machen, welche die Menschen brauchen, um ein zufriedeneres Leben zu führen.” (Ende)
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Sexueller Missbrauch unter Jugendlichen häufig
30.10.2009 von zaro.
Sozialpsychologin: “Pornografie lehrt sexuelle Verhaltensdrehbücher”
London/Potsdam - Liebesbeziehungen unter Jugendlichen laufen nicht immer romantisch ab, sondern beinhalten oft erzwungene sexuelle Handlungen oder Aggressionen gegen den Partner. Das haben Wissenschaftler der Universität Bristol http://www.bris.ac.uk und der britischen Gesellschaft für die Prävention von Gewalt gegen Kinder (NSPCC) http://www.nspcc.org.uk erhoben. Sie untersuchten Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, von denen 90 Prozent bereits sexuelle Erfahrungen hatten. Die Ergebnisse schockierten selbst die Studienautoren. Jedes sechste Mädchen gab an, bereits ein- oder mehrmals zum Sex gezwungen worden zu sein, eines von 16 Mädchen berichtete über eine Vergewaltigung vom Freund oder Ex-Freund. Jedes vierte ist körperlicher Gewalt ausgeliefert und wurde bereits vom Freund geohrfeigt, geschlagen oder regelrecht verprügelt. Jedes dritte Mädchen leidet an sexuellen Handlungen in der Beziehung.
Besonders betroffen waren junge Mädchen mit einem deutlich älteren Freund, sowie wenn sie bereits zuvor durch Eltern oder ältere Brüder Gewalt erlitten hatten. Bei den Burschen war der Anteil derer, die durch Druck oder Zwang zu sexuellen Handlungen gedrängt wurden, deutlich geringer. Nur jeder Fünfte berichtete von körperlicher Gewaltanwendung in der Beziehung. Mädchen gaben häufig an, aus Schuldgefühl oder Angst um den Verlust des Freundes wenig Alternativen zur Duldung der Gewalt zu haben. “Schockierend ist, dass so viele Jugendliche Gewalt oder Missbrauch in der Beziehung normal finden. Viele berichten ihren Eltern gar nicht, was wirklich passiert”, berichtet NSPCC-Sprecherin Diana Sutton. Die Studienautoren sehen die Ergebnisse als alarmierendes Signal, dass die Prävention von Gewalt in Beziehungen stärker im Schulunterricht einfließen soll.
Das Problem ist nicht auf Großbritannien beschränkt. “Auch unsere Erhebungen zeigen, dass sexuelle Aggressionen häufig vorkommen. Fast zwei Drittel der von uns untersuchten Frauen zwischen 18 und 20 Jahren hatte bereits unfreiwillige sexuelle Kontakte hinter sich”, berichtet Barbara Krahé, Sozialpsychologin an der Universität Potsdam http://www.psych.uni-potsdam.de im Interview. Mädchen scheinen häufiger als Opfer auf als Burschen, wobei sich die Befragung zu Opfererfahrungen bei männlichen Jugendlichen schwierig gestaltet. “Auch Burschen berichten von unfreiwilligen Kontakten. Fragt man sie, wie schlimm sie diese empfunden haben, spielen sie es eher runter.” Durch klinische Diagnostik könne man jedoch auch bei missbrauchten Jungen später Symptome wie vermehrte Depressionen oder Angstzustände feststellen. “Für Männer ist es schwieriger, diese Probleme auch wahrzunehmen oder zu kommunizieren”, so die Psychologin. Langfristige Folgen habe Missbrauch in der Partnerschaft für Mädchen wie auch für Burschen. “Wer einmal zum Opfer wird, hat erhöhtes Risiko, dass sich diese Erfahrung auch später wiederholt.”
Als wichtigsten Grund für diese Gewalt sieht Krahé ein sexuelles Verhaltensdrehbuch, das in den Köpfen vieler junger Menschen eingeschrieben sei. “Männer sollen fordern und Initiative zeigen, während Frauen Kontrolle suchen. Diese Normen werden auch aus pornografischen Darstellungen erlernt, die häufig Gewalt beinhalten. Frauen zieren sich dabei zuerst vor der Gewaltanwendung, willigen schlussendlich jedoch ein, da sie diese anscheinend doch toll finden. Pornografie ist heute für Jugendliche leichter zugänglich denn je und Burschen wie auch Mädchen übernehmen die hier gezeigten Rollen.” Durch den Gruppenzwang unter Peers werden die sexuellen Drehbücher schließlich weitergegeben und gefestigt. “Burschen wollen bei Freunden dadurch punkten, dass sie möglichst viele Mädchen an Land ziehen”, so die Sozialpsychologin.
Als Ausweg aus sexueller Gewalt rät die Expertin den Opfern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. “Eine Vielzahl von Notrufstellen nimmt sich speziell der Probleme jugendlicher Hilfesuchenden an. In einigen Großstädten gibt es darüber hinaus Einrichtungen für junge Männer, die einen besseren Umgang mit ihrer Neigung zu aggressivem Verhalten erlernen möchten”, so Krahé. Die wichtigste Maßnahme der Prävention sei es, die Verhaltensdrehbücher in Frage zu stellen und das Recht auf Selbstbestimmung als Norm zu erlernen. “Viele glauben, dass sexuelle Interessen mit Nachdruck durchgesetzt werden dürfen, besonders wenn man sich für den Partner finanziell verausgabt hat oder wenn es schon früher zu Annäherungen kam. Die Freiwilligkeit des Körperkontaktes hat jedoch für das Funktionieren einer Beziehung hohe Bedeutung.” Das solle auch im schulischen Sexualunterricht stärker betont werden, schlägt die Potsdamer Psychologin vor. (Ende)
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