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Falsche Klischees über die Realität Suchtkranker
Ethnologen geben Einblick in den Alltag von öffentlich Alkoholisierten
Zürich - Die Lebensrealität jener Randgruppen, die sich an öffentlichen Plätzen aufhalten und Suchtmittel konsumieren, ist den meisten Menschen unbekannt. Zu diesem Schluss kommen Berner Forscher, die die einschlägige Szene in den fünf Schweizer Städten untersucht haben. Mit Unterstützung vom Schweizerischen Nationalfonds http://www.snf.ch wurden dabei 206 Randständige in ethnologischer Feldforschung untersucht und 1.000 Passanten in Interviews befragt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse soll im Frühling in Fachzeitschriften sowie in Buchform erfolgen.
Suchtkranke im öffentlichen Raum sind meist Einheimische. Sie bewegen sich in Gruppen und haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren. “Das junge Alter kommt daher, dass der Einstieg in diese Szene vermutlich oft schon in der Adoleszenz erfolgt, kombiniert mit einer geringeren Lebenserwartung”, berichtet Studienleiterin Corina Salis Gross vom Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung im Interview. Ein zweiter Teil der Forschung betraf die Einstellung und Reaktion der Passanten gegenüber diesen Gruppen.
Schicksal lässt Passanten kalt
Eine häufige Reaktion der Passanten sei die Betroffenheit. “Man sieht kurz hin, wendet dann den Blick ab und geht aus dem Weg. Manche reagieren betrübt, manche verärgert, vor allem wenn sie nicht ausweichen können. Speziell in der Deutschschweiz gab ein Großteil der Passanten an, diese Menschen seien ihnen eigentlich gleichgültig”, so Salis Gross. Der Informationsstand über die Realität der Alkoholiker sei äußerst gering. “Oftmals hören diese Menschen den Zuruf, sie sollten doch eine Arbeit suchen. Die meisten glauben, sie seien arbeitsunwillig, faul und jung”, resümiert die Ethnologin.
Kaum im Bewusstsein sei allerdings die Tatsache, dass kaum jemand freiwillig auf der Straße lebt. “Nur sehr wenige wie etwa manche Punks wählen diese Lebensform bewusst, zufrieden ist damit niemand. In der Regel rutscht man hinein durch eine Verkettung biografischer Umstände”, so die Ethnologin. Jeder dritte wurde bereits sexuell missbraucht, bei Frauen waren es sogar zwei von drei. Ebenso viele gaben an, wegen Krankheit oder Gewalt bereits einmal “fast gestorben” zu sein. Allgegenwärtig sind psychische und physische Leiden wie Gelenk- und Knochenschmerz, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit bis hin zu Suizidversuchen.
Gruppe bringt emotionalen Rückhalt
Die wichtigste Funktion der Gruppe, in der sich Randständige meist bewegen, ist es, genau in dieser Situation Trost und Verständnis zu liefern. An zweiter Stelle steht der soziale Nutzen wie etwa der Informationsaustausch oder Ratschläge für den Umgang mit Behörden. Auch die Beschaffung von Suchtmitteln wird so erleichtert. Salis Gross hält es für wichtig, die einzelnen Szenen etwa nach ihrem meist homogenen Suchtmittelgebrauch klar zu trennen, da die Prävention erst so abgestimmt werden könne. “Alkoholkranke sind etwa froh, dass sie noch keine Fixer sind. Es besteht eine Hierarchie zwischen den Gruppen”, so die Forscherin.
Wenig haltbar sei auch die Vorstellung, dass die Menschen auf der Straße schlafen. “Drei von vier besitzen eine feste Unterkunft oder wohnen zumindest vorübergehend bei einem Freund, besonders im Winter”, so Salis Gross. Neben Geldabholungen von Verwandten und dem eher seltenen Betteln kommen auch Gelegenheitsjobs vor. “Sobald sie sich in einer ’sauberen Phase’ sehen, suchen viele eine Arbeit, etwa auf einer Baustelle. Diese ist jedoch oft auf kurze Zeit beschränkt.”
“Suchtkranke haben gesellschaftliche Aufgabe”
“Jede Gesellschaft besitzt eine Ordnung, die Sicherheit und Herrschaft symbolisiert. Zu ihrem Strukturerhalt braucht es jedoch auch Orte und Zeiten, in denen eine Antikultur mit Gegenwelten erlaubt ist”, erklärt Salis Gross. Die Verdrängung der Suchtkranken durch Errichtung von Konsummeilen - zunächst in Bahnhöfen, aktuell in Innenstädten - lasse sie nun von einem Ort zum nächsten hetzen. “Damit komme ein Gegenbild des allgemeinen Trends hin zur Hochleistung abhanden”, so die Analyse der Sozialwissenschaftlerin.
Das Schweizer Modell des Umgangs mit den Suchtkranken sieht Salis Gross allerdings als richtungsweisend. “Zumindest die ‘best-practice’-Modelle sind auf den vier Säulen Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Unterstützung sowie Repression aufgebaut. Ziel ist es, immer alle vier Pfeiler gleichzeitig anzubieten und den Betroffenen die Möglichkeit zu eröffnen, eine Therapie für ihre Suchtkrankheit zu bekommen. Denn von alleine schaffen sie den Ausstieg in der Regel nicht”, so die Forscherin. (Ende)
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