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Archive für 15.3.2010
Geschlecht bestimmt soziale Gerechtigkeit
15.3.2010 von zaro.
Buchpräsentation über Arbeits- und Lebensverhältnisse von Frauen
Innsbruck - Frauen sind immer weniger in der Lage, ihre eigene Existenz durch Lohnarbeit zu sichern. Wichtige Ursachen dafür sind neoliberale Trends wie die zunehmende Atypisierung der Arbeitsformen, die Geringfügigkeit und die nur scheinbare Selbstständigkeit sowie auch Versäumnisse der Politik, etwa im Bereich der Bewertung von Pflege und Kinderbetreuung. Das sind Ergebnisse des Sammelbandes “Frauen im 21. Jahrhundert - Situationen, Herausforderungen, Perspektiven”, der am heutigen Weltfrauentag an der Universität Innsbruck http://www.uibk.ac.at präsentiert wurde.
“Ziel des Buches ist es, über soziale Gerechtigkeit aus der Geschlechterperspektive nachzudenken”, betont Alexandra Weiss, eine der beiden Herausgeberinnen des Buches, im Presse-Interview. Der Grundwert des sozialen Einschlusses aller Gesellschaftsteile sei heute durch Individualisierung und Entsolidarisierung abgelöst. Die Politik sehe als Priorität nur mehr die Sachzwanglogik, der zufolge die Schaffung günstiger Bedingungen für Unternehmen oberste Priorität sei. Übersehen werde oft, dass die damit verbundenen, fortschreitenden Einschränkungen sozialstaatlicher Leistungen geschlechtsspezifisch seien.
Rhetorik gaukelt Scheinrealität vor
Weis erkennt im öffentlichen Diskurs eine “Gleichstellungsrhetorik, die zwar vorgaukelt, alles sei in bester Ordnung, dabei jedoch an der Realität vorbeigeht”. Frauen seien die Hauptbetroffenen der Präkarisierung der Arbeitsformen, was der Teilzeit-Anteil jenseits der 40-Prozent-Marke sowie die zunehmende Scheinselbstständigkeit zeige. Auch bei besser Gebildeten verhindere die ‘gläserne Decke’ ab einem gewissen Punkt das Weiterkommen und die Einkommensschere steige weiter.
Zudem führen Frauen auch den größten Teil der unbezahlten, gesellschaftlich jedoch notwendigen Arbeit aus. “Was die Trennung in der Bewertung bezahlter und unbezahlter Arbeit betrifft, hat sich seit den 80ern nichts mehr verändert.” Hier bestehe für den Staat Handlungsbedarf, zudem müsse auf persönlicher Ebene mehr Bewusstsein geschaffen werden. “Männer sind kaum bereit, unbezahlt Hausarbeit, Kinderbetreuung oder Pflege zu übernehmen”, so die Expertin für Gender Studies.
Kürzere Arbeitswoche sinnvoll
Diskutiert werden müsse auch die Tatsache, dass man derzeit der Familie die Aufgabe zuordne, die zahlreichen negativen Begleiterscheinungen des Neoliberalismus aufzufangen. “Auch hier sind vor allem Frauen angesprochen, doch ist diese Aufgabe eine heillose Überforderung, denn es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem”, so Weiss. Sinnvoll ist in den Augen der Expertin eine Verbesserung der sozialen Dienste statt bloßer Geldleistungen sowie eine allgemeine Arbeitszeit-Verkürzung, etwa auf 35 Wochenstunden. “Viele Ökonomen sind sich einig, dass heute 20 oder 25 Stunden reichen würden.”
Frau war nie erwerbslos
Die Innsbrucker Politologin Erika Thurner rollt in ihrem Buchbeitrag die Entwicklung der Erwerbstätigkeit der Frauen seit 1945 auf. Der Männermangel der Kriegs- und Nachkriegsjahren hatte zur Folge, dass Frauen in nahezu alle Berufsfelder vorgedrungen waren. In den “Wirtschaftswunder”-Jahren folgte jedoch die Zurückdrängung als Zuverdienerinnen, selbst wenn es keinen männlichen Familienernährer gab, verbunden mit einer wachsenden Einkommensschere “Dennoch war das heute populäre Bild, dass Frauen früher kaum erwerbstätig waren, im 20. Jahrhundert kaum realisierbar”, so Thurner gegenüber zaronews.
Die Reformschübe der 60er und 70er Jahre verbesserten den Bildungszugang für Frauen und befreiten von Abhängigkeiten, in den 80ern gelang die Gehaltsangleichung in öffentlichen Berufen. Seitdem sei die Gleichberechtigung jedoch ins Stocken geraten. “Die wirtschaftliche Entwicklung seit den 90ern hatte besonders für Frauen dramatische Folgen”, so Thurner. Zwar habe das Gender-Mainstreaming den Frauenanteil in den Berufen erhöht, doch achte man kaum darauf, dass die relevanten politische Entscheidungen zunehmend auf höhere Ebenen wie etwa die EU verlagert werden. “Die tatsächliche Mitsprache sinkt dadurch”, so Thurner. (Ende)
Geschrieben in Fachpublikation, Pressebericht, PR, Politik, Wirtschaft, Allgemein | Drucken | Keine Kommentare »