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Archiv der Kategorie Natur-Bio

Arktis droht Schicksal des Wilden Westens

Eisschmelze bringt neue Machtverteilung und Ausbeutung der Umwelt

Toronto/Rovaniemi/Hamburg - Der arktische Ozean ist reich an Bodenschätzen und Ressourcen, besitzt kaum ergründete Fischereigebiete und liegt zudem strategisch genau zwischen den Weltmeeren. Da er im Zuge des Klimawandels immer mehr auftaut, möchte die ganze Welt von den Ressourcen profitieren. Die Region droht zum “Wilden Westen” zu verkommen. “Der arktische Rat als Sprachrohr der Anrainer muss sich neu orientieren”, drängt Tony Penikett, früherer Premier im kanadischen Yukon und nunmehr Advisor im Munk-Gordon Arctic Security Program, im Interview mit uns.

Eisschmelze macht sexy

Alles ist anders als zuvor in der Arktis: Die Meereseis-Fläche ist im Sommer kleiner als je zuvor. “Das führt einerseits zu neuen Ölbohrungen in ökologisch sensiblen Zonen wie etwa vor der Küste Grönlands und in Alaska, andererseits wird der Seeweg nördlich von Kanada und Sibirien für die Schifffahrt passierbar und somit hochinteressant”, berichtet Penikett. Der tauende Permafrost macht hingegen der Infrastruktur und Siedlungen zu schaffen. Die arktische Bevölkerung ist jüngst gewachsen, besonders der sibirische Teil, der bereits über vier Mio. Bewohner zählt.

Politische Neuordnung

Politisch formierte sich 1997 mit dem “Arktischen Rat” http://arctic-council.org ein beratendes Gremium für ökologische- und Nachhaltigkeitsfragen, das auch den Inuit-Völkern Mitsprache gab. “Thematisch treten nun Umweltprobleme wie etwa Ölunfälle, die Fischerei und Transportfragen in den Vordergrund, doch auch die Frage, ob der Rat auch über das Sicherheitsthema diskutieren soll. Die Anrainer lehnen dies laut Umfragen ab, doch es geht auch um die Sicherheit der Umwelt, Ernährung und Kultur, sowie darum, ob Beschlüsse bindend sein sollen, wogegen sich die USA wehren”, sagt Paula Kankaanpaa, Direktorin des Arktis-Zentrums der finnischen Universität Lapland http://www.arcticcentre.org , gegenüber der Redaktion.

Eine Neuausrichtung des Rates steht jedoch auch hinsichtlich seiner Mitglieder im Raum. Bisher sind neben den Anrainern Kanada, Dänemark, die skandinavischen Länder, Russland und die USA auch Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Polen, Spanien und Großbritannien vertreten. Letztere als ständige Beobachter - ein Status, den nun auch China, Indien und Brasilien erlangen wollen. Kanadische Experten fordern aktuell bei einer Konferenz in Toronto, dass ihr Land als Ratsvorsitzender 2013 das weitere Schicksal des Rates maßgeblich in die Wege leitet.

Mitsprache- und Umweltfrage

Zwei konträre Haltungen sind in dieser Frage verbreitet, erklärt Penikett. “Kanada und Russland sind grundsätzliche Gegner der Einbindung weiterer nicht-arktischer Staaten, wobei manche Stimmen vor dem Verlust der Mitsprache indigener Anrainervölker im Rat warnen. Befürworter glauben, dass ohne dieser Öffnung die Bedeutung des arktischen Rates schwinden würde, da sich somit wichtige Fragen auf andere Ebene wie etwa die UNO verschieben.” Wesentliches Anliegen von Penikett: Den Erfolg der Inuit-Mitsprache nicht aufzugeben. “Sonst geht die Region denselben Weg wie einst der Wilde Westen.”

Ein Schicksal des Wilden Westens muss jedoch auch aus ökologischer Perspektive verhindert werden, betont die Umweltschutzorganisation Greenpeace http://greenpeace.de . “Die Gefahr einer weiteren Ausbeutung des arktischen Ozeans ohne Umwelt- und Sicherheitsstandards ist hoch, wobei vor allem die Anrainerstaaten zur Verantwortung zu ziehen sind. Wir brauchen keine Aufteilung der Region unter einem exklusiven Kreis, sondern deutlich mehr Schutz als bisher”, fordert die Meeresexpertin Iris Menn auf unsere Anfrage. (Ende)

Frühe Ozeane hatten nur wenig Algen

1,1 Mrd. Jahre alte Gesteinsablagerungen liefern Beweis

Göttingen - Algen gibt es seit über 1,5 Mrd. Jahren auf der Erde. Ihre Verbreitung in den frühen Ozeanen wurde als stark angenommen. Forscher der Universität Göttingen http://www.uni-goettingen.de und der University of Tennessee http://utk.edu haben nun ermittelt, dass die Organismen in ihrer heutigen Form zu Beginn ihrer Existenz wohl nur wenig verbreitet waren. Denn in den sauerstoff- und nährstoffarmen Gewässern der damaligen Zeit waren sie den besser angepassten Bakterien unterlegen.

Bakterien dominierten Ur-Ozean

“Wir hatten Zugriff auf Gesteine, die noch nicht in dieser Hinsicht untersucht wurden. Hieran konnten wir verschiedene wissenschaftlichen Konzepte testen. Zum Beispiel ist strittig, ob moderne Algen in den frühen Ozeanen eine große Rolle gespielt haben. Die von uns untersuchten Gesteine, die vor 1,1 Mrd. Jahren abgelagert wurden, zeigen, dass dies nicht der Fall war”, so Studienleiter Martin Blumenberg gegenüber uns.

Zu diesen Zeiten waren hauptsächlich Bakterienmatten dominant, die am Meeresboden lebten. “Dass Algen noch nicht so wichtig waren, lag daran, dass der Ozean zu der Zeit wohl anders aussah als heute. Nur im oberen Teil gab es Sauerstoff, im Tiefenwasser aber nicht. Solch eine Situation führt zu Nährstoffverlusten im Wasser, die eher von simplen Bakterien als komplexeren Algen kompensiert werden konnte”, meint Blumenberg.

Cyanobakterien: Vorläufer der Alge

Anhand von Gesteinsablagerungen aus dem Taoudeni-Becken in Mauretanien lieferten die Wissenschaftler erstmals eine detaillierte Beschreibung des alten Lebensraums. Sie wiesen etwa die Existenz von Cyanobakterien und sehr einfachen Vorläufern der Algen nach. Die Cyanobakterien sind in der Lage, in den vergleichsweise sauerstoffarmen Gewässern der damaligen Zeit zu überleben.

In tieferen Bereichen der Ozeane konnten diese Lebensformen, wie sie heute in ähnlicher Form auch in Lagunen im Pazifik zu finden sind, nicht existieren. “Die damaligen Organismen waren außerdem erstaunlich produktiv”, erklärt Joachim Reitner, Koordinator des Courant Forschungszentrums Geobiologie der Universität Göttingen. “Durch ihr Wachstum lagerten sich Gesteine ab, die bis zu 30 Prozent aus den organischen Resten dieser Mikroorganismen bestehen.” (Ende)

Affen wissen, wer wie viel weiß

Schimpansen erkennen den Informationsstand von Artgenossen

München - Frei lebende Schimpansen warnen unwissende Gruppenmitglieder vor Gefahren. Weniger informationsfreudig sind die Affen, wenn die Artgenossen schon alarmiert sind. Forscher am Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig http://www.evolbio.mpg.de und der University of St. Andrews in Großbritannien http://www.st-andrews.ac.uk haben Schimpansen in Uganda beobachtet und dabei herausgefunden, dass diese erkennen, wer über welches Wissen verfügt. “In Gruppen lebende Tierarten verfügen über solche Informationsmechanismen, weil die Gruppe eine Leistung für das Leben des Einzelnen bringt - da hat die Natur etwas Hervorragendes herausgebracht”, sagt Christina Beck, Wissenschaftlerin vom MPI, gegenüber der Presse.

Informationen mit anderen teilen

Viele Tiere stoßen in Gegenwart von Raubtieren oder anderen Gefahren Alarmrufe aus. Dies geschieht häufiger bei Anwesenheit von verwandten oder befreundeten Tieren. Bisher gab es jedoch keine Belege dafür, dass Schimpansen dabei auch den Wissensstand anderer Gruppenmitglieder berücksichtigen. Die Forscher konnten beobachten: Die Schimpansen gaben Alarmrufe zur Warnung vor einer Giftschlange häufiger in Gegenwart von unwissenden als in Gegenwart von bereits informierten Gruppenmitgliedern. Neue Informationen mit anderen zu teilen, ist ein wichtiger Schritt auf dem evolutiven Weg zur Sprache, den der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vermutlich bereits vor sechs Mio. Jahren beschritten hat.

Die Fähigkeit zu verstehen, was ein Anderer weiß oder glaubt, besitzt vermutlich nur der Mensch. Verschiedene Studien über das Wissen um das Bewusstsein anderer, fanden bislang jedoch nur mit Zootieren statt. Die Wissenschaftler kamen zu kontroversen Ergebnissen. Meist war dabei unklar, ob Schimpansen die Aufgabe nicht lösen konnten oder diese nicht verstanden - ein Problem, das bei frei lebenden Schimpansen in ihrem natürlichen Umfeld nicht besteht. Catherine Crockford, Roman Wittig und Kollegen beobachten deshalb frei lebende Schimpansen im Budongo Wald in Uganda. Sie konfrontierten die Tiere mit Attrappen gefährlicher Giftschlangen, zwei Gabunvipern und einer Nashornviper. “Diese gut getarnten Schlangen liegen oft wochenlang am selben Fleck. Es lohnt sich also, wenn der Schimpanse, der sie entdeckt, seine Gruppenmitglieder vor der Gefahr warnt”, sagt Crockford, die an der University of St. Andrews forscht.

33 verschiedene Schimpansen untersucht

Die Forscher beobachteten das Verhalten von 33 verschiedenen Schimpansen, die jeweils eines von drei Schlangenmodellen gesehen hatten. Alarmrufe wurden häufiger ausgestoßen, wenn der Rufer sich in der Gesellschaft von Affen befand, die frühere Warnrufe nicht gehört haben konnten. “Schimpansen scheinen den Wissensstand anderer zu berücksichtigen und stoßen freiwillig einen Warnruf aus, um die anderen über eine Gefahr zu informieren, von der sie nichts wissen”, sagt Wittig, der am MPI für evolutionäre Anthropologie und der University of St. Andrews arbeitet. “Schimpansen verstehen offenbar, dass sie etwas wissen, was ihr Gegenüber nicht weiß. Sie verstehen ebenfalls, dass sie den anderen informieren können, indem sie eine ganz bestimmte Lautäußerung von sich geben”, so Wittig weiter. (Ende)

Chara: Alge des Jahres 2012

Armleuchteralge ist ein bedrohter Pionier mit Hang zur Dominanz

Greifswald - Die Armleuchteralgen der Gattung Chara sind die Algen des Jahres 2012. Sie wurden von den Forschern der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft http://deutsche-botanische-gesellschaft.de gewählt, weil ihre Vertreter sehr verschiedene Strategien verfolgen. Manche erobern als Pionierpflanze neue Gewässer. Andere haben zwar hohe Standortansprüche, wenn sie sich aber ansiedeln, haben sie das Potenzial, das ganze Ökosystem zu prägen, wie die Algenforscherin Irmgard Blindow von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald http://www.uni-greifswald.de gegenüber der Presse erklärt. “Dort wo die Armleuchteralgen stark vorkommen, kann man von einer guten Wasserqualität ausgehen”, sagt Blindow.

Auf der Roten Liste

Mit der Entscheidung für die Chara-Gattung wurde eine Art gewürdigt, von der 20 heimische Arten auf der Roten Liste der gefährdeten Organismen stehen. Die heimischen der weltweit etwa 300 vorkommenden Chara-Arten leben meist im Süßwasser. Man findet sie auch in kalkreichen und nährstoffarmen Seen, einige behaupten sich auch im Brackwasser bei Salzgehalten zwischen Süßwasser und Meer. Viele Arten besiedeln als erste neu entstandene Kleingewässer. Anderen Arten der Gattung fällt das oft schwerer. “Auch wenn eine Renaturierungsmaßnahme augenscheinlich geglückt ist, heißt das noch lange nicht, dass sich Chara erfolgreich wieder ansiedelt - selbst wenn bekannt ist, dass sie vorher dort lebte”, sagt Ökologin Blindow.

“Aber wenn sie wieder auftauchen, haben manche Armleuchteralgen, wie beispielsweise die Hornblättrige Armleuchteralge, Chara tomentosa, das Zeug, das ganze System zu dominieren”, erklärt die Algenforscherin. Diese Armleuchteralgen überwuchern den Gewässerboden wie eine dichte Wiese. In diesen Algenmatten wachsen Jungfische schnell heran. Vielen Vögeln dienen die Algen oder die in ihnen lebenden Kleintiere als Nahrung. Chara bietet vielen Jungtieren Schutz vor Übergriffen und Lauerjägern wie dem Hecht Verstecke. Biologen bezeichnen sie daher als Schlüsselorganismus des Ökosystems.

Robuste Sporen

Dass Armleuchteralgen neue Gewässer erobern können, haben sie den Vögeln zu verdanken. Chara und andere Armleuchteralgen bilden extrem robuste Sporen, denen weder Austrocknen noch Einfrieren etwas anhaben können. Die Sporen überstehen auch die Passage durch einen Gänse- oder Entendarm. So werden sie von den Vögeln in andere Gewässer getragen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich mancherorts die Wasserqualität durch den Bau von Kläranlagen verbessert. Dadurch haben sich die Chara-Bestände erholt. Die Struppige Armleuchteralge (Chara horrida), die nach 1980 in Deutschland als ausgestorben galt, hat Blindow etwa gemeinsam mit ihren Kollegen nun wieder vor der Ostseeinsel Hiddensee im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft aufgespürt. (Ende)

Fukushima: Sargnagel für Atomstrom

Kein Argument mehr für zivile Nutzung von Kernenergie

Hamburg - Fukushima war einer der letzten Sargnägel für die zivile Nutzung der Atomenergie. Zu dieser Einschätzung kommt Stefan Schurig, Programmdirektor für Klima und Energie beim Weltzukunftsrat http://worldfuturecouncil.org , im Presse-Interview. “Der bereits bestehende Zweifel an der Sicherheit der Kernenergie hat sich bestätigt und wird deshalb um so mehr fortbestehen. Es ist eine Frage der Zeit, wann die Atomenergie-Kiste endlich geschlossen wird”, so der Experte.

Sicherheitsglaube geplatzt

Neun Monate ist es her, seit der Tsunami die Explosion der Reaktoren 1, 2 und 3 im japanischen AKW Fukushima-Daiichi ausgelöst und somit zum Super-GAU geführt hat. Noch immer ist die Situation außer Kontrolle: Auslaufendes radioaktives Wasser, verseuchter Müll oder überschrittene Lebensmittel-Grenzwerte sind weiterhin ein Problem. Der Osten und Nordosten Japans ist mit radioaktivem Cäsium 137 belastet, während die Region um den Unglücksmeiler wohl für immer unbewohnbar bleibt. Rund 34 Mrd. Euro an Entschädigung wurden im laufenden Jahr von der Betreiberfirma Tepco eingefordert.

Die psychologische Wirkung Fukushimas auf den weltweiten Energiemarkt ist laut Schurig stärker gewesen als die Ölkatastrophe der Deepwater Horizon im Jahr davor. “Selbst bei Atomkraft-Befürwortern hat Fukushima einen enormen Eindruck hinterlassen. Denn führte man das Tschernobyl-Unglück oft auf die vermeintlich unsichere Führung in der Sowjetunion zurück, ist nun auch der Glaube an die ’sichere’ Atomenergie in einem hochindustrialisiertem Staat endgültig geplatzt.”

Atomstrom teurer als Erneuerbare

Dabei sei die Atomkatastrophe für diese Erkenntnis gar nicht nötig gewesen. “Atomenergie ist gefährlich, scheitert langfristig an den immer knapperen Uranreserven und liefert keine Lösung für das Entsorgungsproblem. Doch auch der Kostenaspekt spricht klar gegen Atomstrom. Strom aus erneuerbaren Energien ist bereits deutlich billiger und die Schere wird künftig noch weiter auseinander klaffen.” Wie teuer neue AKWs sind, zeige jenes im finnischen Olkilouto vor, wo der aktuelle Bau eines dritten Reaktorblocks statt geplanten drei Mrd. Euro derzeit bereits 6,6 Mrd. Euro kostet und enorme Verzögerungen auftraten.

Wenn Staaten heute neu in die Atomkraft einsteigen, geschieht dies deshalb weniger aus energiepolitischen Motiven, sondern sondern aus rein geopolitischem Kalkül, betont Schurig. “Manche Länder spekulieren weiterhin darauf, als Atommacht ernster genommen zu werden, da zivile Atomenergienutzung stets auch die Möglichkeit einer Atomwaffen-Herstellung bedeutet. Dass dies noch immer gilt, zeigt der Iran vor, jedoch auch die Atompläne der Vereinigten Arabischen Emirate, die durch ein Überangebot von wesentlich günstigerer Sonnenenergie mit Sicherheit keine Atomkraftwerke zur Energieerzeugung bräuchten.”

Deutschland ist Vorreiter

Dabei wird das Potenzial der Atomkraft laut dem Energieexperten stark überschätzt: Die weltweit 210 AKWs mit ihren 442 Reaktorblöcken decken derzeit nur drei Prozent des Bedarfs an Primärenergie, während der Beitrag der erneuerbaren Energien knapp 20 Prozent beträgt. Deutschland hat sich hier als Vorreiter profiliert - einerseits mit der Rückkehr zum ursprünglichen Plan, 2022 alle Atomkraftwerke abzuschalten, andererseits durch den Boom der erneuerbaren Energien.

“Seit 2000 stieg der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland von drei auf 18 Prozent. Viele internationale Energieexperten schauen deshalb mit großem Respekt und Interesse nach Europa, um die Transformation des Energiesektors auch anderswo anzukurbeln”, berichtet Schurig. (Ende)

Bioenergie im Achental

Region in Oberbayern nimmt ihre energetische Zukunft selbst in die Hand

Grassau - Während der Klimagipfel im südafrikanischen Durban im Chaos zu scheitern drohte und sich die Delegierten erst in letzter Minute auf eine Kompromissformel einigten, arbeiten neun Gemeinden im Tal der Tiroler Achen/Oberbayern an ihrer Energieautarkie bis zum Jahr 2020.

In einem Tal zwischen dem oberbayerischen Chiemsee und dem Tiroler Kaisergebirge ist die weltweit diskutierte Energiewende seit Jahren in vollem Gange.

Bereits seit Mitte der neunziger Jahre bemühen sich die Gemeinden im Süden des Landkreises Traunstein um eine nachhaltige ökologische Entwicklung und Vermarktung ihrer Region hinsichtlich Tourismus, Landwirtschaft und Naturschutz. Das interkommunale Engagement der Bewohner des Tals der Tiroler Achen gipfelte im Jahr 1999 in der Gründung der Initiative “Ökomodell Achental e.V.”.

Ziel des Vereins ist die Sicherung der landwirtschaftlichen Betriebe und der Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft bei gleichzeitiger Förderung des Gewerbes und des Tourismus - im Einklang mit der Natur und durch die effektive Nutzung der regionalen und regenerativen Energieressourcen.

Doch inzwischen haben sich die Bewohner des Tals in den Chiemgauer Bergen ein höheres Ziel gesetzt: Als Gewinner des im Jahr 2009 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ausgelobten Wettbewerbes “Bioenergie-Regionen”, planen sie ihre energetische Unabhängigkeit bis zum Jahr 2020.

Ein Biomassehof als Treiber der Initiative

Zentrales Projekt in der Entwicklung des Achentals zur energieautarken Region ist der Biomassehof Achental in der Gemeinde Grassau. Im Herbst 2007 errichtet und getragen von den Gemeinden und von regionalen Investoren, sind der Hof und die Gesellschaft “Biomassehof Achental GmbH & Co. KG” organisatorischer Knotenpunkt und Motor für die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energieressourcen in der Region und damit für den Ausbau der bioenergetischen Wertschöpfungsketten.

Vor Ort werden nicht nur Holzhackschnitzel und Pellets aus Agrarabfällen für die regionale Versorgung und für das Fernwärmenetz in Grassau produziert. In Kooperation mit der Firma Agnion aus Pfaffenhofen a. d. Ilm wird derzeit an der Inbetriebnahme eines Holzvergasers gearbeitet. Dessen innovative Technik erlaubt es, aus Hackschnitzeln regionaler Reststoffe Strom zu erzeugen.

“Unser Engagement folgt dem Motto Bioenergie mit Augenmaß”, sagt Wolfgang Wimmer, Geschäftsführer der Biomassehof Achental GmbH & Co. KG. “Es ist uns ein ernsthaftes Anliegen, zur Energiewende und damit zum Klimaschutz einen maßgeblichen Beitrag zu leisten, nicht zuletzt als Antwort auf die Ergebnisse von Durban 2011.”

Weitere elf geplante oder bereits realisierte “Gipfelprojekte” bringen die Gemeinden des Achentals Schritt für Schritt weiter in der Realisierung ihres ehrgeizigen Ziels. Drei zusätzliche Initiativen sollen zur europaweiten Verbreitung der innovativen Ideen und zum internationalen Erfahrungsaustausch dienen. Zudem nimmt das Achental als einzige Region Deutschlands am Projekt “Klimaneutraler Alpenraum 2050″ der Alpenanrainerstaaten teil.

Österreichische Nachbarn ziehen mit

Das Engagement der fortschrittlichen Bewohner des Achentals hört an der deutsch-österreichischen Grenze nicht auf: Die Tiroler Gemeinden Kössen und Schwendt aus dem Leukental nehmen mit eigenen Gipfelprojekten wie dem einer dezentralen Biogasanlage zur Gülle-Verwertung an der Entwicklung in Richtung energetischer Autarkie teil.

So wird das Achental im Jahr 2020 hinsichtlich seiner Energiegewinnung, verbunden mit einer beachtlichen ökologischen und ökonomischen Wertschöpfung, in der Zukunft angekommen sein. Die internationale Staatengemeinschaft plant indes für das Jahr 2020 ein neues Klimaschutzabkommen und den Start des “Grünen Klimafonds” für Entwicklungsländer.

Über die Bioenergie-Region Achental
Die “Bioenergie-Region Achental” umfasst die Gemeinden Bergen, Grabenstätt, Grassau, Marquartstein, Übersee, Unterwössen, Schleching, Staudach-Egerndach und Reit im Winkl im Süden des Landkreises Traunstein in Oberbayern. Die Initiative verfolgt die nachhaltige ökonomische Entwicklung der Region unter Erhaltung der Natur- und Kulturlandschaft, der Sicherung landwirtschaftlicher Betriebe und regionaler Produktvermarktung, der Förderung eines naturverträglichen Gewerbes und Tourismus und der ausschließlichen Nutzung regional erzeugter erneuerbarer Energien. Gefördert wird die “Bioenergie-Region Achental” vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. und der Initiative “Bioregions” der EU. Weitere Informationen unter http://www.biomassehof-achental.de

Totes Meer starb vor 120.000 Jahren

Erste Hinweise auf Austrocknung in früheren Wärmeperioden

Genf - Das Tote Meer verliert so viel Wasser, dass sein Spiegel jährlich um einen Meter sinkt. In der Vergangenheit war der tiefstliegende See der Welt jedoch bereits viel trockener als heute, hat ein internationales Forscherteam herausgefunden. “Erstmals konnte gezeigt werden, dass das Tote Meer in früheren Zeiten deutlich weniger Wasser führte oder sogar ausgetrocknet war”, erklärt Forschungsleiter Daniel Ariztegui von der Universität Genf http://unige.ch im Presse-Interview. Veröffentlicht wurden die ersten Ergebnisse im Fachblatt “Eos”.

Natürliche Trocknung

Außergewöhnlich ist das Tote Meer nicht nur aufgrund seiner Lage auf derzeit 422 Meter unter dem Nullpunkt, sondern auch wegen des rund 30-prozentigen Salzgehalts. Hauptgründe dieser Konzentration sind die Wasserentnahmen aus den Flüssen der Anrainerstaaten, die landwirtschaftliche Düngung sowie die Verdunstung, die von der künstlichen Salzgewinnung noch deutlich erhöht wird. “Sichtbar wurde nun jedoch, dass es in Warmzeiten auch einen natürlichen Rückgang gibt”, betont der Schweizer Geologe.

Die Forscher bohrten auf 235 Meter Seetiefe nahe der tiefsten Stelle des Toten Meeres und untersuchten die Sedimente. “Überraschend fanden wir Kieselsteine, die sonst nur an Ufern vorkommen, sowie große Salzzonen. Das deutet darauf, dass der Seespiegel früher auf diesem Niveau und womöglich noch darunter lag”, erklärt Ariztegui. Auch Gips, Aragonit, Schlamm und Kalk kam zutage. Die genaue Datierung diese Trockenperiode steht noch aus, die Forscher schätzen sie bisher jedoch auf 120.000 Jahre vor der Gegenwart.

Vorbote für Nahen Osten

“Das Tote Meer ist ein guter Sensor für die Globaltemperatur. In Eiszeiten war sein Wasserstand deutlich höher - vor 25.000 Jahren etwa 260 Meter über dem heutigen Niveau, womit es über das gesamte Jordantal bis hinauf zum See Genezareth reichte. In den Wärmeperioden dazwischen sank der Wasserspiegel jedoch deutlich”, so der Forscher. Wichtig sei diese Erkenntnis auch deshalb, da laut heutigen Klimamodellen mehreren Regionen des Nahen Ostens ein vergleichbares Schicksal der Austrocknung bevorsteht.
(Ende)

Artensterben an Küsten bisher unterschätzt

Klimawandel-Migration für viele Spezies keine Option

Vancouver - Die Globalerwärmung beschleunigt das Aussterben vieler Arten - und zwar viel deutlicher als bisher angenommen wurde. Einen Beleg dafür haben Zoologen der University of British Columbia http://ubc.ca an den Küsten gefunden. Wie sie in der Zeitschrift “Science” berichten, können viele Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum infolge des Klimawandels nicht einfach verlegen. “Der Klimawandel verändert das Zusammenspiel vieler Arten und beeinflusst damit auch die Biodiversität”, erklärt Studienleiter Christopher Harley.

Seestern versus Krebse

Die Forscher spezialisierten sich auf Rankenfußkrebse und Muscheln an mehreren Küsten Westkanadas, die an der Übergangszone der Gezeiten leben. Das Meer ist hier durch Strömungen aus der Arktis kühl, erwärmte sich jedoch seit 1950 um 3,5 Grad. Viele der beobachteten Tierchen sind dadurch schon knapp an ihr oberstes Temperaturlimit gelangt und müssen ihren Lebensraum tiefer Richtung Meer legen - derzeit um einen halben Meter unter der Marke vor 60 Jahren, wie Studienvergleiche zeigen.

Zum Krimi macht die Situation jedoch der natürlichen Feind der beiden Tiere, der Seestern. Bisher siedelten sich die Krebse und Muscheln möglichst weit oben am Strand an, um ihrem Jäger nicht in die Quere zu kommen. Zwar hat sich das Seesternrevier in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert, konnten die Forscher beweisen. Mit der Klimawandel-Wanderung hin zum Meer wuchs jedoch die Gefahr enorm, erbeutet zu werden. “Die sichere Muschelzone schrumpfte somit um die Hälfte und viele Muscheln an den untersuchten Stellen sind sogar ausgestorben”, berichtet Harley.

Fragilität unterschätzt

Verhinderte man versuchsweise durch Schutzzäune das Eindringen von Seesternen, so wanderten die Krebse und Muscheln hingegen auch in wärmeren Zonen, wo sie üblicherweise nicht vorkommen. Der Artenreichtum verdoppelte sich dann sogar, da Muscheln auch kleinen Krustentiere, Schnecken, Würmern und Meeresalgen bei der Ansiedelung helfen. “Während man bisher annahm, dass die Globalerwärmung Tiere am Temperaturlimit einfach migrieren lässt, konnten wir das in unserem Kontext wiederlegen. Oft hat man auf das sensible Zusammenspiel vieler Faktoren wie etwa der Jagd vergessen”, so der kanadische Forscher. (Ende)

Weltumweltrat soll globale Risiken abwenden

Experten fordern neue Strukturen für globale Umweltpolitik

Stockholm/Amsterdam - Ein “Weltumweltrat” sollte geschaffen werden, um die drohenden Gefahren unseres Planeten abzuwenden. Das fordern internationale Umweltexperten anlässlich der Klimakonferenz in Durban. “Es gibt bisher 900 internationale Umweltabkommen, doch der Mensch zerstört die Umwelt weiter und gefährdet seine Zukunft und die der Erde. Besserung gelingt nur, wenn wichtige Umweltenscheidungen global statt national fallen - was neue politische Strukturen erfordert”, betont Owen Gaffney, Sprecher des Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms IGBP http://igbp.net , gegenüber uns.

Heutige Generation muss handeln

Wie sehr der Mensch bereits die Grenzen des Planeten überschreitet, zeigen die Nahrungs-, Energie- und Wasserkrise, der Biodiversitätsverlust und die Naturkatastrophen. 2010 gab es 950 dieser Katastrophen, während es im Jahresschnitt seit 1980 nur 600 gewesen waren. Neun von zehn der Naturkatastrophen gingen auf das Wetter zurück, und die gesamte Schadenssumme betrug 130 statt bisher 95 Mrd. Dollar. 2010 war jedoch kein Ausreißer: Schon im Juli gab Munich Re bekannt, dass 2011 mit schon damals 265 Mrd. Schäden das teuerste Versicherungsjahr aller Zeiten sein wird.

Lösungswege soll der Rio+20-Gipfel im Juli 2012 http://earthsummit2012.org bringen, dessen wissenschaftliche Basis im März in der Londoner Konferenz “Planet under Pressure” http://planetunderpressure2012.net abgesteckt wird. Vorgestern, Mittwoch, wurde dazu bereits der erste Teil eines Kurzdossiers der anstehenden Themen präsentiert. “Die Rolle, die Entwicklungsfrage in nachhaltige Bahnen zu lenken, ist historische Aufgabe unserer Generation”, betont Leitautor Frank Biermann, Direktor des International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change http://ihdp.unu.edu , im Presse-Interview.

Neuordnung wie 1945

Biermann fordert einen ähnlichen konstitutionellen Moment wie nach dem Zweiten Weltkrieg. “In kurzer Zeit wurden damals viele Institutionen gegründet. Heute brauchen wir einen Weltumweltrat, der das bestehende UNO-Umweltprogramm aufwertet, sowie einen UN-Rat für nachhaltige Entwicklung.” Dazu sollten internationale Umweltverträge eine neue Beschlussfassung erhalten. Denn schon im Kampf gegen die Ozonschicht-Zerstörung habe man sehen können, dass eine damals doppelt gewichtete Mehrheit weitaus eher zum Erfolg kam als der Konsenszwang aller.

Beherrschen in Schuldenkrisen-Zeiten auch andere Themen die Regierungsagenden, steigt laut Biermann das Problembewusstsein auch bei den Politikern. Davon zeugt die Schlusserklärung der informellen Regierungskonferenz im indonesischen Solo im Juli, bei der als Vorbereitung für Rio eine stärkere Ausrichtung auf die Umwelt festgeschrieben wurde. “Die EU hat diese Erklärung bereits ins Programm genommen. Auch wenn China, Indien und die USA noch blockieren, ist auch hier Bewegung erkennbar. Läuft alles gut, kann die nötige Neustrukturierung zumindest innerhalb der nächsten zehn Jahre gelingen”, glaubt der Experte. (Ende)

Genmais: Enorme Lücken bei Risikobewertung

Fehlende Standards, kaum externe Sicherheitsprüfungen

Budapest/München - Die Zulassung vieler genmanipulierter Pflanzen durch die zuständigen Prüfstellen der EU steht auf sehr wackeligen Beinen. Denn die Daten, die von den Biotech-Firmen zur Risikobewertung vorgelegt werden, sind nicht verlässlich reproduzierbar - und aufgrund fehlender Standards auch nicht vergleichbar. Das berichten Forscher des Pflanzenschutz-Instituts der ungarischen Akademie der Wissenschaften http://www.nki.hu/en in der Zeitschrift “Food and Agricultural Immunology”.

Vier Tests, vier Ergebnisse

Gentechnisch veränderte Bt-Pflanzen produzieren ein Gift, das gegen Schadinsekten wirken soll. Um ihr Risiko bewerten und Resistenzen vorbeugen zu können, muss der tatsächliche Gehalt dieses Insektengifts (Bt-Toxin) bekannt sein. “Bisher stützen sich die Prüfstellen in ihrer Entscheidung oft nur auf Daten der Industrie. Nun konnte gezeigt werden, dass diese Daten oft nicht reproduzierbar sind und auf Messverfahren beruhen, die nicht von anderen Labors überprüft wurden”, berichtet Christoph Then, CEO der Testbiotech http://testbiotech.org , die zu den Sponsoren des Forschungsprojekts gehört, im pressetext-Interview.

Die ungarischen Forscher untersuchten die Bt-Konzentration im Pollen des gentechnisch veränderten Mais MON810. Wenngleich die Pflanze in einigen EU-Ländern bereits angebaut wird, ist ihr Giftgehalt kaum von unabhängiger Seite untersucht. Dass die Probleme mit fehlenden Standards hier ganz erheblich sind, zeigen die Ergebnisse, auf die vier unterschiedliche Labors in ihren Messungen kamen. “Standardisierte Messprotokolle sollten dringend festgelegt werden. Solange einzelne Messungen nicht von anderen Labors überprüft sind, sollte man sie nicht länger als belastbare Daten akzeptieren”, fordert Studienleiter Andras Szekacs.

“Auge zu” bei kombiniertem Risiko

Für die Risikobewertung ist diese Frage relevant, da von einem potenziellen Risiko ganze Nahrungsketten betroffen wären. Giftiger Maispollen, der in Gegenden mit Bt-Pflanzenbau keine Seltenheit ist, wird auch von vielen unschädlichen Tieren wie Bienen, Schwebfliegen oder indirekt von Schmetterlingsraupen aufgenommen. Darüber hinaus wirkt Bt in Wurzeln auf Bodenorganismen und deren Ökosystem, während andere Pflanzenteile in Lebens- und Futtermitteln landen. Diese Effekte als auch jene der Umweltbedingungen auf den Bt-Gehalt der Pflanzensorten und -teile sind kaum oder nur unzureichend untersucht.

Zehn Bt-Toxine in gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt die EU derzeit für den Import und die Verwendung in Lebens- und Futtermitteln. Zunehmend kombinieren die Hersteller jedoch Bt-Pflanzen miteinander und lassen sie somit mehrere Giftstoffe gleichzeitig bilden, wie beispielsweise der “SmartStax”-Mais von Monsanto und DowAgroSciences, der gleich sechs Bt-Toxine besitzt. “Bisher wurden nur die Ausgangspflanzen, nicht aber deren Kombinationen getestet. Wechselwirkungen und deren Risiken sind somit beinahe unerforscht”, warnt Then.

Abstract der Originalstudie: http://dx.doi.org/10.1080/09540105.2011.604773 (Ende)

UN-Klimakonferenz: Europa braucht Ehrgeiz

Blockade-Ankündigung Österreichs in scharfer NGO-Kritik

Wien - Das Kyoto-Protokoll von 1991 läuft 2012 aus. Ob das bisher einzige verbindliche internationale Klimaschutz-Abkommen verlängert wird, entscheidet in zwei Wochen die UN-Klimakonferenz in Durban. Werden bis 2016 entscheidende Weichen nicht gestellt, ist das Abwenden einer Klimakatastrophe laut Weltklimarat kaum mehr erreichbar. Vertreter der NGO-Initiative “Allianz für Klimagerechtigkeit” http://klimaallianz.at verdeutlichten am gestrigen Donnerstag die Wichtigkeit der Fortschreibung eines verpflichtenden Vertrags und richteten dazu 15 Forderungen http://bit.ly/su3H3M an die Regierung.

Deutschland ehrgeizig, Österreich blockiert

Die Industrieländer müssen ihre Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 reduzieren und um 95 Prozent bis 2050, damit das erforderliche Ziel der Beschränkung der Globalerwärmung auf maximal zwei Grad gelingt. Die EU-Staaten sind nach diesen Maßstäben schlecht unterwegs: Ihr Ziel einer Emissionssenkung um 20 Prozent bis 2020 müsste dazu im ersten Schritt auf mindestens 30 Prozent angehoben werden. Sieben EU-Staaten - darunter Deutschland und England - haben sich bisher dafür ausgesprochen, Österreich und andere blockieren jedoch.

Mehr Augenmerk auf Betroffene

“Während Australien eine Klimasteuer einführt, lahmt Europas Emissionshandel. Wir müssen selbst einen fairen Teil der Vereinbarung tragen, um anderen gegenüber zu überzeugen”, betont Global-2000-Energieexperte Johannes Walmüller http://global2000.at . CARE-Geschäftsführerin Andrea Wagner-Hager http://care.at fordert, dass die Interessen der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Menschen eine zentrale Berücksichtigung erhalten. “Der Klimawandel ist in vielen Entwicklungsländern bereits heute massiv spürbar und schürt Armut und Not. Um die Anpassung zu ermöglichen, müssen auch die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit erhöht werden.”

Ein konkretes Beispiel für eine direkt betroffene Region lieferte Jovelyn T. Cleofe, Direktorin des Centers for Empowerment and Resource Development http://cerd.ph . “Zigtausende Fischerfamilien an den Küsten Philippinens bedroht der Klimawandel schon heute - durch wärmere Meere, Taifune sowie Korallen- und Fischsterben”, so die Projektpartnerin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar http://dka.at . Die Umweltwissenschaftlerin organisiert in betroffenen Dörfern Anpassungsmaßnahmen. “Von den reichen Ländern erwarten wir in Durban Fairness und Verantwortlichkeit”, so die Expertin gegenüber uns.

Waldschutz am Scheideweg

WWF-Klimaexpertin Annabella Musel http://wwf.at bezeichnet den Waldschutz als einen zentralen Verhandlungspunkt. “Der enorme Waldverlust pro Jahr wirkt sich dramatisch auf die Natur, das Klima und auch auf den Menschen aus. Für das Zwei-Grad-Ziel muss die Abholzung bis 2020 gestoppt sein.” Für das Waldschutzinstrument REDD+ sei es entscheidend, dass es ausreichend finanziert werde und Sicherheits- und Kontrollmechanismen enthalte, die sowohl den Schutz der biologischen Vielfalt als auch der Rechte und Partizipation der Menschen, die vom und im Wald leben - das sind 1,5 Mrd. Menschen weltweit - garantieren. (Ende)

Alzheimer zeigt sich in der Nasenschleimhaut

Chemiker erkennen Gehirnstörung durch Eiweiß-Ablagerungen

Darmstadt - Chemiker der Technischen Universität (TU) Darmstadt http://www.tu-darmstadt.de haben ein neues Diagnoseverfahren für Alzheimer entwickelt. Sie haben entdeckt, dass bereits Jahre vor Ausbruch der Krankheit Eiweiß-Ablagerungen in der Nasenschleimhaut sichtbar gemacht werden können. Bisher ist Alzheimer schwer zu diagnostizieren. Radiologische Verfahren, Berichte von Angehörigen oder Gedächnistests geben Aufschluss über die Erkrankung.

“Eine möglichst frühe Diagnostik könnte zu einem präsymptomatischen Therapiebeginn führen”, sagt Boris Schmidt vom Clemens-Schöpf-Institut für Organische Chemie und Biochemie der TU Darmstadt gegenüber der Presse. Bisher konnte Alzheimer erst diagnostiziert werden, sobald schon Schädigungen im Gehirn aufgetreten sind. Die neue Methode kann schon vor dem Beginn einer Demenz ansetzen. Die Forscher haben entdeckt, dass schon vor Krankheitsausbruch Ablagerungen eines Proteins in der Nasenschleimhaut nachweisbar sind.

Früherkennung entscheidend

“Bisher war lediglich bekannt, dass sich die schädlichen Ablagerungen nicht nur in Hirnzellen, sondern auch in den Nervenzellen der Augen zeigen. Daher wurde eine Diagnose per Retina-Scan favorisiert. Dabei sollen fluoreszierende Farbstoffe die Ablagerungen im Auge für den untersuchenden Arzt sichtbar machen”, so Schmidt. Trotzdem bleibt Alzheimer eine unheilbare Gehirnstörung mit unbekannter Ursache.

In Deutschland leiden 1,2 Mio. Menschen an Alzheimer. “Bislang können Alzheimer-Therapeutika den Verlauf der Erkrankung nur verlangsamen. Eine Früherkennung kann zur Heilung führen, wenn die Entwicklung von Medikamenten erleichtert und beschleunigt wird und die Risikogruppen sicher identifiziert werden”, unterstreicht Schmidt. (Ende)

EU erlaubt Süßungsmittel Stevia

Streusüßen und Süßgetränke als erste Abnehmer wahrscheinlich

Brüssel/Hohenheim - Mit der Zulassung von Stevia durch die Europäische Union beginnt ein neues Kapitel der Süßstoffe in Europa. Die Substanz aus den Blättern der aus Paraguay stammenden Pflanze “Stevia rebaudiana” ist 250-mal süßer als Zucker, wird von Diabetikern gut vertragen, senkt den Blutdruck und verhindert Zahnbelag. Ein ernsthafter Konkurrent zum Zucker wird sie zumindest in naher Zukunft dennoch nicht, glaubt der Stevia-Forscher Udo Kienle von der Universität Hohenheim http://stevia.uni-hohenheim.de im Presse-Interview.

Langsamer Markteintritt

“In naher Zukunft werden die meisten Nahrungsmittelsparten nicht auf Stevia umstellen - einige Produkte ausgenommen: Stevia-Tabletten und -Streusüßen könnten noch in diesem Jahr in die Supermärkte kommen, einzelne Süßgetränke im ersten Halbjahr 2012, sofern die Hersteller bereits zulassungsfähige Rezepturen besitzen”, so der Hohenheimer Agrarwissenschaftler. Das zeige die Entwicklung in der Schweiz beispielhaft vor, wo Stevia seit 2010 erhältlich ist. Rund 100 genehmigte Stevia-Lebensmittel gibt es hier, von denen allerdings bisher nur wenige in den Läden gelandet sind.

Als ein Hindernis für eine rasche Verbreitung sieht Kienle die niedrige Stevia-Tagesdosis, die von der EU wie auch zuvor von der Schweiz als “unbedenklich” eingestuft wurde. Nur vier Milligramm von hochreinem Steviol pro Kilogramm Körpergewicht und Tag sind erlaubt. “Der Zucker von Limonaden kann in Folge nur zu rund 30 Prozent durch Stevia-Süßstoff ersetzt werden. Es wird unter diesen Umständen schwierig, dem Konsumenten den höheren Preis zu rechtfertigen”, so der Experte.

Coca-Cola als Zugpferd

Was punktet, ist die Natürlichkeit der Stevia-Pflanze, betont Kienle. Auf diesen Effekt setzt etwa die Firma Coca Cola, die bereits 24 Stevia-Patente besitzt und den Zuckergehalt bestimmter Getränke künftig mit einem als “Truvia” registrierten Stevia-Süßstoff senken will. In raffinierter Form ist Stevia als Lebensmittel-Zusatzstoff - der die Nummer E960 erhält - freilich nicht mehr “natürlich”. (Ende)

Konsum ist Wasserverschwender Nr. 1

Großteil des Verbrauchs durch Kleidung, Nahrung und Energie

Melbourne/Frankfurt - Wassersparen im Haushalt ist das Gebot der Stunde, da die Wasserreserven weltweit immer knapper werden. Maßnahmen, die die monatliche Wasserrechnung günstiger machen, greifen alleine jedoch zu kurz, betonen Forscher der Universität Melbourne http://unimelb.edu.au in der Zeitschrift “Building Research and Information”. Für Australien haben sie berechnet, dass 94 Prozent des langfristigen Wasser-Fußabdrucks eines Haushalts auf Hauserrichtung, Dienstleistungen und Konsumgüter zurückgehen - allen voran auf Kleidung, Nahrung und Elektrizität.

Unsichtbare Verschwendung

58 Schwimmbecken des Olympia-Ausmaßes von 50 mal 25 Meter (je rund 2.500 Kubikmeter Wasser) verbraucht ein durchschnittlicher Haushalt im Laufe von 50 Jahren, so die Analyse der Forscher um Robert Crawford. 94 Prozent davon - umgerechnet 54 Becken - gehen auf Bau und Erhalt des Hauses, alle Besitztümer, Nahrung, Kleidung und andere Konsumgüter, Finanzdienstleistungen, Autos und Urlaube zurück. Der direkte Verbrauch durch Trinken, Waschen, Duschen, Bewässerung, Kochen und Putzen kommt hingegen in Summe bloß auf vier Schwimmbecken oder sechs Prozent des Wasserverbrauchs.

“Alle Gegenstände und Dienstleistungen, die ein Haushalt konsumiert, benötigen eine lange Reihe von Ressourcen, die allesamt den Wasserverbrauch erhöhen. Je mehr Kleidung und Nahrung wir kaufen, desto mehr Wasser verbrauchen wir”, resümiert Crawford. So wichtig das direkte Wassersparen etwa durch Kurzduschen und Tropfhahn-Vermeiden auch sind, dürfen sich deshalb die Bemühungen nicht darauf beschränken. Der Forscher rät zu Second-Hand-Kleidung und -Möbeln, zur Minimierung des Essensabfalls sowie zum Errichten kleinerer, länger haltender Häuser, für die man weniger Möbel und Energie braucht.

25 Badewannen täglich

Zu einem vergleichbaren Ergebnis für Deutschland kam bereits im Vorjahr der WWF: Täglich verbraucht jeder Einwohner Deutschlands insgesamt 5.288 Liter oder 25 gefüllte Badewannen Wasser, wird das “virtuelle Wasser” auch mitgerechnet. 73 Prozent davon stammt aus der Landwirtschaft, 23 Prozent aus Industrieprodukten, wobei auch in dieser Auflistung die Kleidung und Ernährung die Liste der Verbraucher anführen. (Ende)

Gehirn: Aufmerksamkeit und Bewusstsein getrennt

Primär-Sehrinde ist Eingang zur visuellen Verarbeitung in Großhirnrinde

Tübingen - Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind zwei grundlegend verschiedene Prozesse im Gehirn. Das haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik http://kyb.mpg.de zusammen mit japanischen Kollegen aus einer Reihe von Verhaltensbeobachtungen geschlossen. Sie liefern den ersten experimentellen Nachweis, dass die primäre Sehrinde nur durch Aufmerksamkeit, nicht aber durch das Bewusstsein aktiviert wird. Die primäre Sehrinde ist der Eingangsbereich zur visuellen Informationsverarbeitung in der Großhirnrinde.

Nervenzellen agieren nie gleich

Dieses Ergebnis bekräftigt die Hypothese, dass Nervenzellen unterschiedlich auf Aufmerksamkeit und Bewusstsein reagieren. “Es geht um die genaue Erforschung des Gehirns”, erklärt Masataka Watanabe von der University of Tokyo http://www.u-tokyo.ac.jp gegenüber pressetext. Bei der funktionellen Magnetresonanztomografie wird die Aktivität verschiedener Hirnbereiche über den Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen und bildlich dargestellt.

Gastwissenschaftler Watanabe, Forscher des Max-Planck-Instituts und weitere Experten des Riken Brain Science Institute haben nun genauer untersucht, was die Aktivität im Eingangsbereich der Sehrinde beeinflusst. “Wir wussten aus früheren Experimenten, dass visuelles Bewusstsein ohne Aufmerksamkeit möglich ist und Aufmerksamkeit ohne Bewusstsein”, sagt Watanabe. Die Ergebnisse der Experimente erstaunten die Wissenschaftler. “Ich war selbst überrascht über die Befunde, sie haben mich dazu gebracht umzudenken”, so Watanabe.

Reaktionsunterschiede bedürfen Erforschung

Die Ergebnisse der Experimente könnten sogar Auswirkungen auf Philosophie und Psychologie haben: Bisher gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass das Bewusstsein Teil aller anderen Gehirnbereiche und untrennbar mit anderen geistigen Funktionen verknüpft ist. Darauf deuteten auch frühere Experimente hin. Dies muss jedoch nach den neuen Ergebnissen in Frage gestellt werden.

“Dies ist das erste Experiment, bei dem Reaktionsunterschiede in der primären Sehrinde zwischen Bewusstsein und Aufmerksamkeit festgestellt wurden. Erstmals wird der Schluss nahe gelegt, dass Aufmerksamkeit und Bewusstsein die Aktivität der Nervenzellen zumindest teilweise getrennt voneinander anregen. Die Ergebnisse müssen in Folgestudien mit anderen Reizen, Messmethoden und Arten noch abgesichert werden.” (Ende)